Cronotastische Weihnachten

Türchen 3

Willkommen im 3. Türchen! Schön, dass Du auch heute vorbeischaust. Neben Hör- und Leseschnipseln zu Büchern und Reihen, die schon das Licht der Öffentlichkeit erblickt haben, will ich die Gelegenheit auch nutzen, um ein paar noch unveröffentlichte Projekte mit Dir zu teilen. Den Anfang soll eine kleine Satire auf das Studentendasein machen, die ich schrieb, als ich selbst einer jener mystischen Individuen war. Ich hoffe, Du findest sie unterhaltsam. 😀

Der moderne Student 2.0

Den modernen Studenten zu verstehen ist für eher fortgeschrittene Semester eine Herausforderung, die durch einen Vergleich mit in geraumer Vorzeit absolvierten Examina verschiedenster fachlicher Ausrichtung nur ausgesprochen naiv – um nicht zu sagen euphemistisch – umschrieben ist. Ich würde sogar so weit gehen, zu behaupten, dass es dem gediegenen, erfahrenen Akademiker nicht möglich ist, im Spiegel der Erinnerungen seiner eigenen, wenig ruhmreichen Jugend Argumente auszumachen, die das Verhalten seiner heute im Dienst befindlichen Nachfahren begreifbar machen oder gar rechtfertigen können.

Der moderne Student hat auf der abwärts führenden, evolutionären Leiter eine neue Stufe erreicht. Er hat gewissermaßen selbst ein Loch gegraben, um die Stiegen noch tiefer reichen zu lassen. Behält man als unbeteiligter Beobachter – und mit ausreichendem Sicherheitsabstand – das exponentielle, negative Wachstum der Sprossen der letzten zwanzig Jahre im Auge, sieht man auch ohne zuvor errungene Fachkenntnis die steil absteigende Bewegung deutlich vor sich. In weiteren zwanzig Jahren sollte das Niveau der dann modern geschimpften Studierenden mit 6371 Kilometern unter Null bereits das Zentrum des inneren Erdkernes erreicht haben. In diesem Augenblick würde die Welt der Akademik dann in einer dem Urknall ähnlichen Verpuffung zuerstauseinander bersten und dann aus heiterem Himmel in sich zusammenfallen.

Ein Zeichen der rasanten Fahrt ins Erdinnere ist das demenzartige Diffundieren von Allgemeinbildung aus den semipermeablen Hirnwindungen des modernen Studenten. Freilich kann er eine viele Terabytes überschreitende Menge Datenmülls innerhalb kürzester Zeit über verschiedenste Hardwarekanäle wiedergeben und damit die durch externe Festplatten ersetzten Denkapparate seiner Kommilitonen kontaminieren. Wissen aber, das sich nur jenseits von Wikipedia-Plattformen oder YouTube-Tutorials finden lässt, bleibt ihm vielmals verborgen.

Abhängig von Hard- und Software verschiedenster Genese ist der moderne Student tiefer mit Äpfeln, Fenstern und Wolken verbunden, als die altsechziger Generation mit Natur, Kosmos und jeder Menge Gras. Eine ähnlich berauschende, die Sinne vernebelnde Wirkung haben heute die viral um sich greifenden Online-Services ebenso wie die dem Leser, Seher oder Hörer Informationen vorgaukelnden ›Newsfeeds‹, die dem Dementor nicht unähnlich alles Leben und Wissen aus seinem noch atmenden Wirtskörper saugen, so dass hinter zwei glasig schimmernden Kugeln, die einst vor intellektueller Tätigkeit leuchtende Augäpfel darstellten, jeder Anspruch auf Denken, Reflektieren und Hinterfragen längst erloschen ist.

Vor allem die sogenannten Sozialen Medien bilden um den schutzlos in der virtuellen Welt surfenden modernen Studenten ein Netz, das selbst die in Festigkeit und Größe führenden Kunstwerke der südafrikanischen Riesenradnetzspinne Nephila Inaurata neben sich verblassen lässt. Einmal in ihnen gefangen, bildet die in himmlischen, unschuldigen blautönen getarnte Welt der Tweets, Likes und Posts ein in sich geschlossenes Labyrinth der Prokrastination, das wohl selbst seinen Schöpfern jeden Ausweg verwehrt. – Mein Schreibprogramm markiert das Wort Prokrastination rot. Zufall oder Chiffre? Oder doch ein provokanter Hinweis darauf, dass auch dieser Text eine solche darstellt?

Nach unzähligen so bezeichneten Reformen bleibt der moderne Student zurück mit einem kargen Wortschatz und einer noch trauriger anmutenden Ansammlung von Grammatik-, Rechtschreib- und Stilblüten; einem ganzen Strauß an sprachlichen Unzulänglichkeiten, die er mit solchem Stolz vorträgt, dass der geneigte Leser – oder Hörer – versucht ist, seine Muttersprache selbst für jene kreativen Interpretationen verantwortlich zu machen. Offenbar nicht ganz zu Unrecht. Sollte doch die akademische Elite den Höhepunkt der sprachlichen Möglichkeiten verkörpern und nicht die skurrilsten Verunglimpfungen im Dienste der Wissenschaft kreieren. Doch um ein wissenschaftlichen Problem als solches wahrzunehmen und dessen Komplexität Rechenschaft zu zollen, muss die Satzkonstruktion nun mal solcher Art gestaltet sein, dass nicht einmal der Erschaffer des Textes an dessen Ende noch wissen kann, welcher Gedanke seinen Anfang ausmachte.

An Weltfremdheit und Unnötigkeit wird jene ›Wissenschaft‹ nur noch übertroffen durch den bereits von ihr zersetzten Apparat der Bürokratie, der den Studenten seit Jahr und Tag mit eiserner Faust gepackt hält. In einem wohl inzwischen Jahrtausende währenden, schleichenden Prozess durchwurzelte sie alles und jeden, versteinerte inwendig und verlor so jegliche Flexibilität. Es bedürfte wohl eines Mannes – oder einer Frau –, der die Tische der komatösen Beamten und lethargischen Advokaten umstieße und dann riefe: »Die Bürokratie ist um des Menschen Willen, nicht der Mensch um der Bürokratie Willen!«

Das auf die Spitze getriebene Verwaltungswesen unserer Zeit steigert die dem modernen Studenten immanente Faulheit als Folge von Überarbeitung und Überforderung bis zu einem noch nie dagewesenen Leistungstief. Täglich mit jenem bürokratischen Wesen konfrontiert, hält sich der Studiosus selbst noch für wendig, spontan und tolerant – ohne dabei zu merken, dass er selbst nach und nach ausgehöhlt und angepasst wird. Geprüft und bewährt durch unzählige, sich gebetsmühlenartig wiederholende Examina und Formulare, wird sein Wille – bereits durch die Einflüsterungen der virtuellen Welt verweichlicht – vollends gebrochen und normiert.

Der Student 2.0 – der moderne Student – befindet sich in einem ständigen Hin- und Her Schwanken zwischen Rausch und Regeln, Feiern und Fiebern, Studieren und Arbeiten. Gewissermaßen a priori – vom ersten Semester an – gefangen im Strudel des Leistungsdrucks und Unvermögens, taumelt er mit jedem weiteren Tutorium und jedem ernsten Blick aus den Augen des Dozenten tiefer in den Burnout hinein. Unter Qualen, wie sie Luzifer persönlich in seinen unheiligen Hallen nicht größer werden lassen könnte, plagt er sich durch dröge Veranstaltungen und müßige Arbeitsstunden – unfähig, den Sinn und Horizont seines Strebens noch zu erfassen – und visiert wie unter Scheuklappen nur das eine an, das eine, auf das er fünf Tage der Woche hofft: Das Wochenende.

Geprägt vor allem durch exzessiven Rausch- und Genussmittelkonsum, gefolgt von komatösem, an Mortalität grenzendem Delirium, ist das Wochenende die Primetime des modernen Studenten. Derart abend- und nachtaktiv fürchtet er das morgendliche Sonnenlicht mehr als jeder transsilvanische Blutsauger. Vor allen anderen Morgenden aber graut ihm vor dem schlimmsten aller Flüche: Dem Montagmorgen.

Dann quält er sich blind, taub und unansprechbar in eine aufrechtere Position. Selten übersteigt diese den 45 Grad Winkel. Während trägem, schwerfälligen Tasten nach Wecker, Sehhilfe und Schlappen – einem dem Hausschuh nachempfundenen Fußbekleidungsstück, das nur wenig Gemeinsamkeiten mit seinesgleichen aufzuweisen hat – gibt der noch mit Wissen zu füllende leere Körper – nicht zu verwechseln mit dem universitären Lehrkörper mit ›h‹ – animalisch anmutende Knurr- und Brummlaute von sich. Stunden, die ihm wie Sekunden vorkommen, später hat sich der noch immer leicht komatöse Patient – Verzeihung, Student – aufgerafft und taumelt seither der Schwerkraft folgend vorwärts in Richtung des WG-Badezimmers.

Das WG-Badezimmer – eine Räumlichkeit, die nur aufgrund der wiederzuerkennenden sanitären Anlagen als solches identifiziert werden kann – bildet das Herz der von Experten sogenannten Studenten-WG oder auch Wohngemeinschaft. Es muss das Herz sein, da sämtliche Sinne des Eintretenden augenblicklich ihren Dienst einstellen und dieser sich daraufhin nur noch ›nach Gefühl‹ bewegt: Die in dunkles, scheckiges Hartplastik gepressten, mehrfach entspiegelten Brillengläser beschlagen unverzüglich und schränken so die Sicht erheblich ein; der Tastsinn wird ebenfalls durch die erhöhte Luftfeuchtigkeit und die damit verbundene Hautirritation auf ein Minimum reduziert; das Gehör ist noch vom just vergangenen Wochenende mit einer zeitweilig auftretenden Taubheit geschlagen und auf den Geruchssinn will man in der Nähe der zu selten genutzten Waschmaschine und der zu häufig ohne Zielsicherheit genutzten Toilette lieber verzichten.

Den eingeschränkten Sinnen geschuldet, verbringt der das blinde Folgen und Parieren gewohnte Studiosus durchschnittlich eine halbe Stunde seines kostbaren Tages im Herzen dieser Gemeinschaft. Sein nächster Weg führt ihn seiner Nase folgend offenkundig in die Lunge der WG. An keinem anderen Ort – und hier kann man mit Fug und Recht zumindest auf den gesamten Planeten verweisen – kommen so viele unterschiedliche Lüfte und Gerüche zusammen wie hier: In der kulturellen wie geruchlichen Vielschichtigkeit des olfaktorischen Meisterwerks ›Küche‹ spiegelt sich der unterbewusste Wunsch nach Toleranz und Integration. Die Realisierung des letzteren Wunsches verkompliziert sich im Übrigen durch das häufig intuitive Verwechseln von ›integrieren‹ mit ›intrigieren‹.

Das gesamte – höchst instabile – Konstrukt der Studenten-WG fußt auf einer ähnlichen Methodik wie das durch die meisten zuvor bevorzugte Modell ›Hotel Mama‹. Nur dass die Horde lebensunfähiger Volljähriger nun auf sich allein gestellt, nicht mehr auf das Wiederauffinden von Gegenständen, das regelmäßige ungebetene Reinigen von Kleidungsstücken sowie Wohnräumen oder gar das Füttern auch jenseits der Brust vertrauen kann. Gegenseitiges Kritisieren und Bemängeln von abwesender Hygiene oder abhanden gekommener Nahrungsmittel lösen dabei häufig postpubertäre Rückfälle und Flashbacks aus.

Solcherorts vor sich hin vegetierend, versucht der moderne Student den Anschein von kultureller Bildung oder zumindest peripherem Interesse vorzugeben. Dafür nötigt er seinen müden Geist zeitweilen zum Besuch mittelmäßiger Theateraufführungen und skurriler Indie-Filme. Kunstausstellungen oder Konzerte werden dabei nur dann als erstrebenswert oder wenigstens überlebenswert in Betracht gezogen, wenn beides zuvor ausführlich im Netz der südafrikanischen Riesenradnetzspinne – von Laien auch als Soziale Medien bezeichnet – diskutiert und für gut befunden – folglich also mit einem ›like‹ versehen – wurde.

Ebenso wie der Sinn für das Schöne und Vergängliche scheinen dem modernen Studenten auch die letzten großen Tugenden abhanden gekommen zu sein: Die Höflichkeit und die Demut. Das ehrfürchtige Aufhalten der herrschaftlichen, drei Meter fünfzig hohen Fakultätstüren aus wettergegerbtem Eichenholz für den Lehrkörper; das nahezu augenblickliche andächtige Schweigen des Auditoriums beim Eintreten des erleuchteten Geistes, der all das Wissen wohlbehütet in sich trägt, das den meisten Zuhörern zu jenem Zeitpunkt noch nicht innewohnt; das euphorische Entgegennehmen einer jeden Form von Kritik – und sei sie der unangebrachtesten Art – nur in der bescheidenen Hoffnung, dass der Funke der Weisheit und Erkenntnis doch noch endlich auf ihn überspringen möge.

Stattdessen gewinnt das Fressen oder Gefressen Werden die Oberhand. Kämpfe und Kriege um Studienplätze, Hilfsarbeiten und Stipendien werden so gnadenlos auf dem Schlachtfeld Campus geführt, dass Caesars De Bello Gallico dagegen verblasst wie alte Fotografien in der römischen Mittagssonne. Der ewige Student, der Ewig-Wissbegierige, wird zum Randphänomenon – verdrängt durch Bachelor-Anhänger und Master-Sympathisanten, die ihre halbherzige, kurzweilige Ausbildung ungestraft einen ebenbürtigen Studiengang nennen dürfen. An feste Stundenpläne genagelt, zwischen Prüfungstermine gepfercht, fristen sie ihr hektisches, getriebenes Leben jenseits allen Sinnes und irgendeiner Form des Nutzens für die Allgemeinheit oder ihre Zukunft. Für sie ist das Studium weder Ort noch Zeit, um sich eigenen Studien und der dem Menschen immanenten Neugier hinzugeben, sondern nur jenes Sanktuarium, in dem man einem Martyrium gleich das Pflichtprogramm auf sich nimmt.

In einer unendlich lang entfernten Zeit, einer Zeit, in der Hochschulprofessoren noch Amt und Würde trugen – und einen unerschöpflichen Grund des Wissens … In einer solchen Zeit also war dem Studium der Ruf inne, dem heranreifenden Menschen all das in Frage zu stellen, was er zu jener Zeit zu glauben im Stande war. Es rüttelte an den Festen seiner Gewissheit und schlug Thesen an die Tür seines Glaubens. Es ließ ihn alles Wissen über Bord werfen, Fragen aushalten und vergeblich auf die Antworten aus dem Grund der Wahrheit hoffen. Es ließ den inzwischen wohl als antik zu bezeichnenden Studierenden die Medizin, Philosophie, Jurisprudenz und – um es mit Faust zu sagen – ›leider auch die Theologie‹ erkunden. Jene Urdisziplinen also, die sich mit dem Innen und Außen, dem Wenn und Aber, dem Wie und Warum und vor allem dem „Ist das wirklich Nötig?“ zu jeder Zeit der Menschheitsgeschichte beschäftigten.

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